Jordanien: Hilfe für syrische Studenten & Flüchtlingsfamilien

Mit ohrenbetäubendem Lärm donnert ein jordanischer F-16 Kampfjet im Tiefflug über den Ort und demonstriert dadurch eindrucksvoll Stärke und Präsenz. Wir sind in Ramtha, eineinhalb Autostunden nördlich von Amman und direkt an der syrischen Grenze. Eine der Städte, die von Flüchtlingen, insbesondere aus der Gegend um Dera’a regelrecht überrannt werden. Die Grenze hat das Leben verändert, seit jenseits davon Gewalt und Zerstörung herrschen. Denn es kommen Menschen hierher, die ihre Heimat auf der anderen Seite zurücklassen mussten und damit ihr komplettes bisheriges Leben: ihre Arbeit, Ausbildung, Familie, Freunde und vieles, vieles mehr.

Allein die Dimension der Zahlen ist unvorstellbar

Nicht weit von hier, etwa 50 km südöstlich, ist das riesige UNHCR-Flüchtlingscamp Zaatari, in dem inzwischen knapp 100.000 Flüchlinge leben, in Containern aber auch in Zelten, selbst mitten im Winter! Dort wird Großartiges geleistet, aber allein die Dimension der Zahlen an Hilfsbedürftigen ist unvorstellbar und macht klar, wie drastisch und alarmierend die Lage ist: es kommen mittlerweile mehrere Tausend Flüchtlinge – jeden Tag! Und natürlich können nicht alle im Camp aufgenommen werden.

So kann sich glücklich schätzen, wer überhaupt irgendwo unterkommt und ein festes Dach über dem Kopf hat. Es geht schlicht darum, im Hier und Jetzt irgendwie zu überleben. Aussichten auf Arbeit, auf ein geregeltes Leben mit sozialer Sicherheit oder gar eine Studienausbildung sind für Flüchtlinge in weiter Ferne.

Eines der großen Anliegen von Orienthelfer e.V. ist deshalb die Unterstützung von Studenten, sei es durch Finanzierung von Studiengebühren, Büchern oder Fahrtkosten. Wir möchten jungen Menschen dadurch gerade in dieser schlimmen Situation eine Möglichkeit schaffen, die sich am allerbesten mit einem einzigen Wort beschreiben lässt: Zukunft.

Orienthelfer e.V. finanziert Studiengebühren für syrische Studenten in Jordanien 

In Amman treffen wir unsere jordanische Helfer-Kollegen Nada, Anas und Sami. Sie haben die zwei Studentinnen Lina und Sarah mitgebracht (Namen sind geändert). Beide sind Flüchtlingskinder aus Dera’a in Syrien und können nun – dank unserer finanziellen Unterstützung – hier an der Yarmouk University in Irbid studieren, was ihnen eine echte Perspektive gibt und ansonsten überhaupt nicht möglich wäre. Da die Kurse an der Jordanischen Uni auf Englisch gehalten werden und das Englisch der Beiden bisher nicht sehr gut ist, übernehmen wir außerdem die Kosten für einen ergänzenden Englischunterricht. Für das nächste, im Herbst beginnende Semester werden wir auch noch weitere Studenten unterstützen.

Gut organisierte Hilfe vor Ort

Unsere jordanischen Helfer-Kollegen sind sehr gut organisiert: neben der Beschaffung und Verteilung von Hilfsgütern kümmern sie sich auch um Unterkünfte für Flüchtlinge und besuchen diese regelmäßig. Sie wissen, wer was am dringendsten benötigt und sind auch darüber hinaus Ansprechpartner und wichtige Hilfen bei anderen Problemen des Alltags. Gemeinsam mit ihnen besuchen wir zwei Familien in Amman.

Im Namen von Orienthelfer e.V. übergeben wir Geld an eine Frau die mit drei Kindern in einem kleinen Zimmer wohnt. Ihr Mann wurde in Syrien getötet, seit über einem Jahr sind sie nun schon hier, sie findet bisher keine Arbeit. Eine Ecke des Zimmers geht in eine winzige Kochnische über, die Fenster sind zugig und gerade einmal einfach verglast und wir können nur erahnen, wie kalt es hier im Winter ist.

Weiteres Geld bekommt eine Familie, deren Sohn in Syrien durch eine einschlagende Rakete verletzt wurde. Sein rechtes Bein wurde dabei so schwer verwundet, dass sein Unterschenkel amputiert werden musste. Er hat eine Prothese, aber auch sein anderes Bein, das in einer Schiene fixiert ist, muss in Kürze bis zum Knie amputiert werden. Ausserdem hat er Asthma, für das er regelmäßig Medizin benötigt.

Wir fahren zum Hospital Al Darasalam wo etliche syrische Männer behandelt werden. Mit unterschiedlich schweren Verletzungen liegen sie auf Mehrbettzimmer verteilt. Anas gibt jedem einen kleineren Betrag und erklärt ihnen auf Arabisch, dass wir von der deutschen Hilfsorganisation Orienthelfer sind.

Ramtha: Leben an der Grenze

In Ramtha besuchen wir nacheinander viele verschiedene Flüchtlingsfamilien in ihren Wohnungen, die alle vollkommen überfüllt sind. Jeder hier hat jemanden verloren: Kinder ihre Väter, Frauen ihre Männer, Mütter ihre Söhne… Die Stimmung ist entsprechend gedrückt.

In einer der Wohnungen mit mehreren Zimmern leben verschiedene Familien zusammen, pro Raum teilweise zehn Personen, die auf Matratzen am Boden schlafen – alle teilen sich Bad und Küche. Überall werden wir freundlich, ja herzlich begrüßt, die Kinder sind schüchtern, lachen aber viel. Sie verstehen die Tragweite der gesamten Situation noch nicht. Wir geben Geld und einige Buntstifte für all die Kinder.

Auch einer anderen, besonders armen Flüchtlingsfamilie lassen wir Geld zukommen. Garantiert wären wir achtlos daran vorbei gegangen, hätte unsere Helfer-Kollegin uns nicht ausdrücklich darauf hingewiesen. In einem Treppenhaus steht eine Kiste mit verschimmeltem Fladenbrot, das wir für Abfall halten. Wir fragen extra noch einmal nach, um sicher zu gehen, dass es kein Missverständnis ist, was Nada erklärt: die Leute sind so arm, dass sie das essen müssen…!

Lebensfreude und pure Verzweiflung

Bei einer anderen Familie werden wir zum Kuchen essen eingeladen. Alle sind sehr entgegenkommend, ein paar Worte können sie Englisch, ansonsten verständigen wir uns mit Händen und Füßen, was lustig ist. Drei Schwestern, so erfahren wir, sind hier, die vierte lebt in Syrien. Der Sohn einer der Schwestern liegt schwerst verletzt hier im Krankenhaus. Sein Zustand ist sehr kritisch und niemand weiß, ob er überleben wird. Auf dem Handy zeigen sie uns ein Foto von ihm. Beim Verabschieden weinen die Frauen und uns wird bewusst wie nah hier Lebensfreude und pure Verzweiflung sind.

Hautnah können wir uns einen Eindruck von der Situation der Menschen machen, die mit nichts außer ihrem Leben in ihr Nachbarland geflohen sind. In ein Land, das arm und angesichts der puren Masse an Flüchtlingen vollkommen überfordert ist. Hier wird ganz einfach alles gebraucht. Mit dem mitgebrachten Geld können wir zumindest einen kleinen Beitrag leisten und wenigstens ein paar Not Leidenden helfen. Die Freude und Dankbarkeit dieser Menschen darüber werden wir so schnell nicht vergessen.

Falk Pätzold, Sabine Kroiß, Frühjahr 2013

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