Bericht: Orienthelfer e.V. im Libanon, Juli 2012

Draußen rauschen Palmen vorbei und das Mittelmeer glitzert in der Sommersonne. Die Buchten des Libanon locken mit Urlaub, Spaß und Wassersport. Wer allerdings hinter die Kulissen schaut, dem vergeht die Freizeitstimmung sehr schnell. Seit über einem Jahr strömen Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien in den Libanon. Meistens in der Dunkelheit, heimlich und illegal. Denn Syrien hält seine Menschen fest umklammert. Wer Schutz in den Nachbarländern sucht, gilt als Feind des Regimes und wird verfolgt. Wieviele Syrer inzwischen in den Libanon geflüchtet sind, weiß niemand genau, über 20.000 sollen es sein, vielleicht auch 40.000.

„Habt ihr euch entschieden?“, fragt unser syrischer Fahrer. Er schaut in den Rückspiegel und wartet auf Antwort. Aber die mitreisende Ärztin Dr. Michelle Davis und ich haben uns noch nicht entschieden. Ich stehe vor den grausamsten Entscheidungen meines Lebens. In diesem Moment kehren wir zurück von einer Rundtour durch verschiedene libanesische Krankenhäuser, Reha-Zentren, die ihren Namen nicht verdienen, und Privatwohnungen. Wir sollten einen Überblick über die Situation der syrischen Verletzten bekommen, die auf Hilfe warten. Und denen eines am dringendsten fehlt: Geld.

Dank der Spendengelder aus Deutschland können wir helfen, jeden Monat sind wir im Land. Inzwischen kennen einige schon den Namen unseres Vereins „Orienthelfer“ und man fragt uns, ob wir auch so schöne Aufkleber wie die anderen Hilfsorganisationen hätten. Die haben wir nicht, wir wollen helfen, nicht kleben. Aber unsere Mittel sind begrenzt, es reicht nicht für alle. Jetzt müssen wir uns festlegen, wem wir die dringend benötigte Operation finanzieren – und wem nicht. Wer bekommt ein neues Knie, eine Gehirn-OP, eine neue Hand? Und wer bleibt ein Krüppel. In diesem Moment wünsche ich mir eine Million Dollar in bar. Nicht jede Verstümmelung ist reparabel, aber viel Not und Schmerz könnte durch einen medizinischen Eingriff gelindert werden. Unser Geld reicht nur für wenige Operationen.

Jeder verletzte Syrer hat seine eigene Schreckensgeschichte. Der achtzehnjährige Muhammad schloss sich in Qusair einer Demonstration an. Er nahm sein Moped mit, um im Notfall schneller fliehen zu können. Und tatsächlich eröffneten syrische Soldaten das Feuer auf die Demonstranten. Alles stob panisch auseinander, Muhammad stürzte mit seinem Moped und ein anderer Demonstrant fuhr ihm in dem Durcheinander über sein Knie. Wir können die Erzählungen nicht nachprüfen, doch sein Knie ist vollständig zertrümmert. Im Libanon wurden die Knochentrümmer mit etlichen Nägeln notdürftig zusammengeflickt, doch die Metallstifte sind viel zu lang geraten, man spürt die Spitzen unter seiner Haut. Mit einem tapferen Lächeln erträgt er seine bösen Schmerzen. Es hätte ihn schlimmer erwischen können, sagt er.

Wie den kleinen Ahmed aus der Nähe von Homs. Verängstigt durch die Schüsse in der Stadt, schickten ihn seine Eltern nicht in die Schule, sondern zum Schafe hüten. Er stand inmitten seiner Herde, als die Armee mit Raketen angriff. Ein Geschoß flog mitten in seine Schafherde und riß Ahmed den Unterschenkel ab. Als wir mit dem Wagen auf den Krankenhaus-Parkplatz einbiegen, fällt er uns sofort auf. Er hat seine Kinderkrücken unter die Arme geklemmt und steht einsam vor dem Haupteingang.Wer kümmert sich um ihn? Um einen kleinen Jungen, dem gerade das Bein abgenommen wurde, muß sich doch jemand kümmern! Aber da ist niemand. Ich bin zutiefst schockiert darüber, wie abgeklärt das Krankenhauspersonal darauf reagiert. Aber unsere syrischen Begleiter klären mich auf: Ahmed ist nur ein einziger Fall. Von zehn? Nein, von tausend inzwischen.

Keiner ist da, der dem Dreizehnjährigen in dem Barcelona-Trikot die Hand hält, ihn tröstet, seine Fragen beantwortet. Ich setze mich zu ihm in sein Krankenzimmer. „Wir sind seine Familie“, sagen zwei junge Männer, die sich den schmucklosen Raum mit ihm teilen. Dem einen fehlt ein Bein, der andere kann nicht laufen, weil ihm ein Geschoß beide Oberschenkel durchschlug. Die drei Jungs haben zusammen nur zwei gesunde Beine. Trotzdem lachen wir viel miteinander. Ich entschließe mich, für Ahmed die Nachoperation zu finanzieren und eine Prothese. Das ist die kleinste Hilfe, die wir in diesem Augenblick leisten können. Der zuständige Arzt versichert, dass er mir selbstverständlich eine Quittung darüber ausstellen werde, es sei ja Spendengeld. Dr. Davis und ich sind sprachlos, dass man sogar im fernen Libanon noch an das deutsche Finanzamt denkt.
Jede zweite Not-Operation im Libanon gilt derzeit einem Syrer. Doch die Ärzte operieren nur, wenn das Geld vorher auf den Tisch gelegt wird.

Während unseres Aufenthaltes werden zwei Schwerverletzte von einem Krankenhaus abgewiesen. Wir möchten wissen, wo diese Leute nun sind. Keiner weiß es. Vielleicht tot. Trotzdem operieren viele libanesische Ärzte inzwischen umsonst, geben Rabatt auf schwierigste Eingriffe. Aber irgendwann ist Schluß. Beim nächsten Mal muß gezahlt werden. Aber wie? Die syrischen Flüchtlinge haben kein Geld, sie sind auf Spenden angewiesen. Um möglichst viele Behandlungen zu ermöglichen, werden die meisten Kranken und Verletzten von ihren syrischen Helfern so kurz wie möglich vor der fälligen OP eingeliefert. Hinterher werden sie sofort wieder herausgenommen, um weitere Kosten zu sparen. Dann erfahren wir von einem Notfall: ein Junge mit einem Nackenschuß. Er hat Gehirnhautentzündung, Flüssigkeit hat sich bereits bedrohlich im Kopf angestaut, die Gliedmaßen sind gelähmt, er muß über eine Sonde ernährt werden. Doch wieder fehlt das Geld für eine Operation. Als ich dem Krankenhauschef 6000 Dollar auf den Tisch blättere, greift er im gleichen Augenblick zum Telefon und vereinbart einen OP-Termin für den Jungen. Inzwischen ist er operiert.

Wie in den vorherigen Reisen stoßen wir auf keine syrischen Fanatiker, Salafisten oder Islamisten. Unter den Verletzten sind alte Männer, die nur dem Bombenhorror entfliehen wollten und nun eine Ladung Schrapnells im Körper tragen. Auf den Röntgenbildern sehen wir noch die Kugeln in den Beinen, Schultern und Knochen der Menschen, die einfach aus den Dörfern flüchten wollten und dabei von der Armee beschossen wurden. Sie gelten als Terroristen, daher ist eine Behandlung in syrischen Krankenhäusern unmöglich. Somit werden viele der Kranken in den Libanon geschmuggelt. Nicht alle schaffen es. „Look, if it’s helpless.“ Die Aufforderung gilt unserer Ärztin Dr. Michelle Davis. Wenn ein Fall hoffnungslos sei, sollen wir bitte kein Geld für eine OP verschwenden, sondern für die Behandlung der Überlebenden verwenden. Eine zynischer Pragmatismus, der uns das Herz zerreißt.

Als wir den Libanon verlassen, erwischt uns der nächste Hammerschlag. Unsere Hilfsreisen starteten im Dezember 2011 im Wadi Khaled, ein Gebirgstal an der syrischen Grenze. Etliche Male war ich dort bei den syrischen Flüchtlingen und brachte ihnen Hilfsgüter. Viele kennen uns – und erwarten uns. Bei der jetzigen Fahrt dorthin werden wir am Checkpoint vom libanesischen Militär abgewiesen. Es sei zu gefährlich. Die Schule in Rame mit den 250 Flüchtlingen, die ich gut kenne, liegt nur ein paar Steinwürfe entfernt. Zum Glück dürfen befreundete Libanesen aus dem Tal heraus. Wir übergeben ihnen Babykleidung, Medizin, Bücher und vieles mehr für die Flüchtlinge. Wir selbst müssen umkehren. Kurz danach wird das Wadi Khaled von der syrischen Armee bombardiert, Tag und Nacht. Es gibt Tote und Verletzte. Die Syrer sprechen von der notwendigen Verteidigung gegen Terroristen, aber im Wadi Khaled werden keine Terroristen, sondern eine 19jährige Libanesin und ein Baby zu Grabe getragen. Die Bombardements hören seitdem nicht mehr auf. Die Flüchtlinge sitzen in ihren Unterkünften und dürfen nicht weg. Sie sind Gefangene, die darauf hoffen, heute Nacht nicht getroffen zu werden. Und morgen hoffentlich auch nicht. Die kleinen Kinder schreien nächtelang durch, die größeren machen wieder ins Bett.
Als wir in Deutschland ankommen, erreicht uns eine Neuigkeit: Syrien bewirbt sich derzeit um einen Sitz im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Da China und Kuba dafür sind, sei eine Ablehnung der syrischen Forderung unwahrscheinlich.

Christian Springer, Juli 2012

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